Erdbeertörtchen – Releaseinfo – CD-Album „Wald“ (2004)

Instrumentale Musik ist schwer von Vorurteilen zu trennen. Allzu schnell denkt man an entrückte Hippies und frickelnde Choleriker, die ohne Unterlaß vor sich hindudeln oder, um die negativ besetzten Seiten nun außer acht zu lassen, an ‚epische Weite‘ und ‚melancholisch mäandernde Ströme aus verzerrten und unverzerrten Akkorden‘. Oder was man sich sonst noch so einfallen läßt, um einen guten Metaphernsalat anzurichten.

Auch erdbeertörtchen verzichten auf Gesang, lassen sich jedoch nicht darauf ein, als nächste Abziehbildchen der hinlänglich bekannten Grandseigneurs auf den Postrocklaternen verklebt zu werden. Vielmehr beziehen sie ihre Einflüsse aus ganz anderen Ecken der Gitarrenmusik, in denen zumeist gesungen und mehr Wert auf gute Melodien gelegt wird, als ausschließlich auf größtmögliche Steigerung der Spannung, die sich stets in denselben Explosionen auflöst.
Eine gute Melodie ist die halbe Miete, und des öfteren ist man geneigt, mitzusingen. Nur ist kein Text da. Aber denken Sie sich diesen doch selber aus, z.B.: „Seitdem ich Titten habe, vermisse ich den Fernseher nicht mehr!“

Das auf Tumbleweed erschienene erste Album von erdbeertörtchen trägt den Titel „Wald“ und bietet neben einem wunderschönen, handgezeichnetem Cover und den merkwürdigsten Songtiteln ever, vor allem eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
Noch nie hat eine Instrumental-Band aus dem Tumbleweed Dunstkreis ein so vielschichtiges und schwermütiges Album auf den Tisch gelegt. Neben Schlagzeug, Bass und Gitarren sind noch gut ein Dutzend verschiedener Instrumente beteiligt, und dennoch klingt alles luftig und transparent. Wind im Haar, Sturm im Herzen und auch Töne können einen streicheln.

Grafzahl – Releaseinfo – LP & CD-Album „Alles muß schwimmen“ (2004)

stacheln und draht, baby

was war
Wer will, kann grafzahl schon seit diversen Jahren kennen. Immerhin erschien 1993 mit „Muffensausen“ die erste EP. Die drei Siegener gehörten zu einer der einflussreichsten und agilsten Zellen von aufregendem, reflektiertem Deutsch-Pop-Punk in den Neunzigern. Zelle klingt nach Knast – meint aber Gegenteiliges. Denn der einst auf angenehmste Weise Boxhamsters-inspirierten Band ging es nie um den bloßen selbstgefälligen Fame. Auf ihrem do-it-yourself Label Knorz Records veröffentlichten sie wegweisende Underground-Platten, schafften Links, prägten eine Szene mit. Das ist in wenigen Worten die story so far.

was ist
Sollte bei dem Einen oder Anderen diese Historisierung bisher noch nicht angekommen sein, auch kein Problem. Denn man begegnet sich doch immer zweimal im Leben – mindestens. Auf der Autobahn, an der Käsetheke, im Gebeinhaus, oder im hiesigen Club der Stadt. grafzahl stellen dabei sicher keine Wiederkehrer dar, schließlich waren sie selbst im klassischen Sinne von Kulturindustrie – Vermarktungs – Geisterbahn nie wirklich weg. Sondern gut unterwegs. Und dennoch: die Zeit zwischen dem letzten Album „Der Gönner“ (auf Beri Beri Records) und dem ganz neuen ist letztlich so lang geworden, dass man sich schon auch mit dem Gefühl konfrontiert sieht, hier jemanden wiederzutreffen.
grafzahl, dieses hochverdichtete Trio, dessen großer Reiz immer auch sein dandyhafter Autismus ist. Dass sie nicht nur harsche Erkenntnisse und Wunden des Hier und Jetzt offenlegen, sondern immer auch ein leicht entrücktes Grinsen mit sich führen. Ich habe das selbst immer als eine gebrochene Form der aristokratischen Tugend des Bescheidwissens verstanden. Also: zu überlegen, nicht auch mal verschmitzt sein zu wollen.

was ist jetzt
So sind sie ästhetisch dann auch ganz große Fuchsjagd, unbeirrbar und vielleicht sogar Bluter. Eben ganz „die Grafen“, als die sie von Fans, Freunden und Verwandten gerufen werden. Dabei wirken sie und ihre Musik immer so freundlich, so höflich. Doch bei all dem love-o-meter, das hier aufgefahren wird, sind grafzahl natürlich trotzdem keine vertrottelten Schöngeister. Sondern ausgestattet mit dem perfiden Gespür dafür, immer wenn die Harmonie in Text und Ton zu eskalieren droht, die Stacheln auszufahren. Plötzlich: Blitze statt Prinzessin. Die kongenialen Texte tun ihr übriges und genießen das Leben in der sinisteren Halbwelt zwischen Wohl und Wehe. Oder zwischen „Triumph and Agony“, wie es einst bei Doro Peschs Warlock hieß.

was wird
2002/2003 – Das Ergebnis der neusten Bemühungen ist die Platte „Alles Muß Schwimmen“. Die neben dem beloved Gitarren-Pop-Sound so richtig Türen und Fenster öffnet. Denn wo bei diversen Protagonisten Regress regiert und irgendein stumpfer Rock-Gestus aus besseren Tagen abgefeiert wird, geben sich grafzahl vielschichtig. Elektronische Momente machen zum Beispiel die Single des Albums, „Einkaufen Mit Getränken“ fast zu einem Electro-Clash-Smasher. Hit! Zu dem Song wurde bereits ein schön übergeschnapptes Video gedreht. Mit Hasen auf Rädern. Überhaupt: Soviele Ideen auf den Songs – und keine nervt. Alles muss klingen – und schwimmen. Die Nummer erschien auf dem befreundeten Kölner Label Tumbleweed. Und in aller Wohlerzogenheit ging man davon ab, die fragwürdige Bewerbung „Das Album Zur Jahrhundertflut“ zu verwenden. Denn auch ohne Selfmade-Provo wird das hier seinen Weg zu den vergnügten Mini-Punks und sonstigen Wut-Poppern finden. Und nicht zu knapp. Wir sind viele. Durchzählen! – (Linus Volkmann / 02.2003)

Die Grätenkinder – Releaseinfo – CD-Album „Serviervorschlag“ (2004)

Die Grätenkinder machen Schnarrrock. Das ist Musik, in deren Ahnenreihe Beat, Punk- und Indierock ebenso zu finden sind wie der Pop der so genannten Hamburger Schule. Saubere Viertel und gekonnte Solos sind dabei nicht so wichtig wie Stil(losigkeit), Herz und Verstand.

Eine Orgelspielerin, die die Melodien auf ihrer Seite hat. Zwei wahnsinnige Gitarristen, die auf der Bühne kurzzeitig Beine, Arme, Füße und Köpfe durcheinander werfen, um diese nach dem Auftritt wieder fast perfekt zusammenzufügen. Wie sie das schaffen bleibt ein Rätsel. Die Rhythmus-Gruppe wird vertreten durch eine Bassistin, die es schaffte sich innerhalb von nur zwei(!) Wochen von einer absoluten Novizin zu einer Vollstreckerin des gekonnten Dröhnens zu wandeln. Unterstützt wird sie hierbei von einem Lausbub am Schlagzeug, der das (Schnarr-)Rockgeschehen vorher schon als gelernter Bassist, Gitarrist und Steinewerfer maßgeblich beeinflusste.

„Leuchtend und kräftig ist die Musik, unbestechlich und sexy. Unmöglich nicht aufzuspringen, Fenster und Türen aufzureißen und die Sätze auf die so lange schon gewartet wurde mit dem vollen Einsatz des Lungenvolumens hinaus in die Welt zu schreien. Punkrock? Kann sein. Aber auf eine Art, die so viel Liebe zu bieten hat, dass die wenigen Tourbegleiterplätze innerhalb von Sekunden ausgebucht sind.
Widerstand ist zwecklos und auch nicht anzuraten. Es sei denn, Einsamkeit und dunkle Wolken sind des Lebens größtes Ziel.“ (Caroline Kikisch)

Schwarz – Releaseinfo – CD-Album „Cheesy“ (2004)

Schwarz kommen aus Madrid und es ist uns nach langem Hin und Her gelungen, ihr drittes Album „Cheesy“ exklusiv, von ihrem spanischen Label Astro, für den deutschen Markt zu lizenzieren. Hierzulande sind sie bisher nur durch eine gemeinsame Tour 2002 mit Manta Ray aufgefallen. Denen gefielen die ersten beiden Alben von Schwarz so gut, daß sie mit ihnen zusammen das Album „Heptágono“ aufnahmen, was dann auch der Anlass der damaligen gemeinsamen Touraktivitäten war.

Die Kinder verarbeiten hier ihre musikalische Vergangenheit. Gewachsene Leidenschaft geformt durch Verknüpfung. Raum, Ort, Zeit und Musik. Du saugst alles auf. Es wird nur einmal so sein. Und dann für immer anders und doch so gut. Sänger und Gitarrist Antonio Alfonso Alfonso (der heißt wirklich so) besitzt offensichtlich eine tiefgehende Leidenschaft für ausufernde Wiederholungen und lässt seine zumeist gitarrenlastigen Popsongs an den Rändern bis zur Unkenntlichkeit ausfransen. Auf „Cheesy“ wird, dann auch in letzter Konsequenz, erinnerter Pop liebevoll demontiert. Beeinflusst von (sagen wir mal) den ersten Alben von Mercury Rev und den Boo Radleys, aber auch von Bands wie Sonic Youth, den Feelies und Grandaddy.

Um den unter normalen Studio- und Produktionsbedingungen entstehenden Stress und Zeitdruck zu vermeiden, hatten sich Schwarz aus einem Gemisch von Arroganz, Unbekümmertheit und Unverschämtheit heraus ein eigenes Studio aufgebaut. Ohne große Vorkenntnisse und mit viel Mut begab man sich daraufhin an einen (mit Unterbrechungen) sechsmonatigen Aufnahmeprozess. Acht Titel sind auf „Cheesy“ enthalten. Wenn man das Album gehört hat, scheinen es aber doppelt so viele gewesen zu sein, dies mag auch daran liegen, daß die Stücke oft eine unerwartete Richtung einschlagen und sich gänzlich anders entwickeln wie zu vermuten gewesen wäre. Schwarz gefiel den Machern des Kontraphon-Samplers so gut, daß sie „The Impossible Dream“ direkt auf ihren aktuellen Sampler „Musik Ist Anders“ gepackt haben. Vielen Dank!

Morph – Releaseinfo – CD-EP „Quattro“ (2003)

Gereifte Indierocksozialisation, aus kleinstädtischen Strukturen kommend. Dies hat sich ja schon oft als die richtige Umgebung erwiesen um sich als Band finden zu können. Das eigene Umfeld, die eigene Szene als Schmelztiegel, ohne ständig auf die Metropolen zu schielen. In derart behüteten Verhaltnissen sind Morph, aus Limburg an der Lahn, über die Jahre gewachsen und legten 2003 einen geplanten Zwischenstopp ein, um uns „Quattro“ auf den Tisch zu knallen.

Morph rocken, oft schnell gespielt, mit lauten Gitarren, irgendwo zwischen Hüftschwung und Leistenbruch. Dazu charismatischer Gesang mit deutschen Texten über „Wahrheit fühlen wollen“ und die Sucht nach den kleinen magischen Momenten ausserhalb des Alltags. Also Liebe, Leidenschaft, Vergänglichkeit. Der junge Kai Hawai ist schwer melancholisch, zieht Nasen, liest auf einmal Hemingway und steigt bei den ganz frühen Notwist ein.

Den Texten von Morph ist man gerne ausgeliefert. Was immer auch kommen mag, es soll kommen. Dies zu hören macht Mut und alles bekommt irgendwie doch einen Sinn. Im ständigen „Vor“ und „Zurück“ turn Verzweiflung into Glück.

„Die Band ist ziemlich einzigartig. Nicht so sehr darin, dass es keine Assoziationen zu anderen Bands gäbe. Aber doch nur Gedankenflüchte, die kurz gestreift werden um dann wieder zu den vier Hessen zurückzukehren. Man beginne mit dem beissenden Impetus von Dackelblut, um über den Ausschnitt einer Motorpsychischen Epik zum lyrischen Gehalt von Evelyns Pørk vorzustossen, um doch nur bei Morph zu landen.“ – PNG #42

Wuoalfänger – Releaseinfo – 7″ „Kehrmaschine“(2003)

Wuoalfänger kommen aus Siegen und Gießen und es gibt sie schon lange, bestimmt schon seit 6 Jahren, sie haben aber bisher nur Kassetten veröffentlicht. Diese sahen immer gut aus, hatten aber leider den Nachteil, daß sie irgendwann zu leiern begannen. Egal ob mit Ei oder ohne – so konnte es nicht weitergehen, deshalb gibt es jetzt endlich Vinyl!

Wuoalfänger sind aber immer noch zu zweit und spielen auch weiterhin in anderen Bands wie grafzahl, Familie Pechsaftha oder dem Urs Kubrick Ensemble mit. Wie bei allen vorherigen Aufnahmen der Band sind auch die Stücke auf „Kehrmaschine“ sehr spontan entstanden und beiden Protagonisten war vorher nicht wirklich klar, was nacher dabei herauskommen würde.

Vergleichen ließe sich das Ganze am ehesten mit neueren oder mittleren Yo La Tengo, wobei der deutsche Gesang diesen Vergleich sofort wieder relativiert. Aber Vergleiche sind manchmal doof und unzutreffend, genauso wie Stilrichtungen, Schubladen und Schrankwände!

Zu Erwähnen bleibt noch, daß die auf Tumbleweed veröffentlichte 7inch „Kehrmaschine“, selbst aufgenommen wurde und es von dem handgemachten Cover (Siebdruck + Farbkopie) drei verschiedene Versionen gibt, jede mit einem anderen Wal! Außerdem ist das Vinyl der 7inch weiß!

Wuoalfänger sind:

Florian Gelling:
Gitarre, Bass, Gesang, Schlagzeug, Keyboard

Felix Schumann:
Gitarre, Bass, Gesang, Schlagzeug, Keyboard

Luke – Releaseinfo – CD-Album „In Less Than No Time“(2003)

Bei Luke geht es um Gitarren und große Gefühle. Es geht um Rock und es geht um Pop. Luke sind Helden der Herzen. Dann geht es noch um Alltag und um Gefühle konservieren, fixieren. Von verzerrten Gitarren gespielte Melodien, die dich festhalten lassen an gerade erlebten Dingen. Kopfskaten und Luftgitarre. Fixpunkte in Deiner generationalen Ordnung. Für immer. Hör auf die Stimmen!
Die Geschichte – Luke veröffentlichten im 1997 ihr Debüt auf Tumbleweed Records. Die Split-10″ mit PHS aus Siegen, im legendären Echtholz-Cover, wies damals schon die Art von Songs auf, die für Luke heute noch charakteristisch sind. Brachiale Gitarren und Popsongs mit Drive, Lässigkeit, Melancholie und Verspieltheit. 1998 erschien dann das erste Album von Luke . Mit „Warm“ machten Luke erstmals eine größere Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Das Album erhielt sehr gute Kritiken und Artikel in der einschlägigen Musikpresse und gehörte sicherlich zu den musikalisch besten Platten, die in jenem Jahr in Deutschland im Bereich Indierock veröffentlicht worden sind.

Nach dem darauf folgenden Ausstieg des zweiten Gitarristen entschloss man sich, erstmal in Triobesetzung weiter zu machen, was den Songs nun etwas mehr Raum ließ und das Bandgefüge insgesamt festigte. Im April 1999 enterten Luke die BluBox in Troisdorf, um zusammen mit Guido Lucas ihr zweites Album „From Now On“ aufzunehmen. Das Album erschien zur Popkomm 1999 , bei der Luke auf dem Hifi-Label-Network-Abend das Kölner Underground zum Beben brachten. Von der Presse wird das Album wieder durchweg sehr gut besprochen und angenommen. Die Vinylversion von „From Now On“ wird in Kooperation mit Blunoise Records (Troisdorf) seit Januar 2000 unters Volk gebracht.

Glücklich, daß man endlich auch beide Formate anbieten konnte, spielte die Band in der Folgezeit eine ganze Reihe von Auftritten und eine sehr erfolgreiche Tour im Mai/Juni 2001. Das Interesse an der Band steigt nochmal gewaltig, nachdem das erste, überaus niedliche Video zu „Feel like i do“ auf Viva II (R.I.P.) zu sehen ist, und 2Rock im Rahmen des Immergut-Festivals 2001 den Auftritt der Band featured. Seit Anfang 2001 übrigens wieder als Quartett, da mit dem Gitarristen Kai-Philipp , der zuvor als Soundmann die Band begleitete, endgültig die Idealbesetzung auf musikalischer und persönlicher Ebene gefunden wurde.

In Less Than No Time – Im Frühjahr 2003 veröffentlichten Luke dann ihr bisher letztes Album „In Less Than No Time“ und tourten im darauffolgenden Herbst ausgiebig durch Deutschland. Aufgenommen in den BluNoise Studios, mit Guido Lucas an den Reglern, ist „In Less Than No Time“ ein wuchtiger Block. Ein Statement. Selbstbewusstes Abfeiern. Dieses Album schreit „Rock!“ und wird Vergleichen mit diversen Oberliga-Clubs gerecht. Tief stapeln wäre hier schlicht gelogen. Endlich scheint auch das leidige Emo-Ding vom Tisch zu sein.

Clayton Farlow – Releaseinfo – CD-EP „Sunshine Loaded Head“ (2001)

Ganz objektiv betrachtet ist es so: Clayton Farlow sind eine Indie-Rock Band aus Köln und Bonn, deren Mitglieder bei den Popnauts, Soccer, Klee und der Berend Band spielten oder spielen. (…)

Fernab aller Objektivität würde ich alles mögliche tun, um euch zu zwingen, es ebenso großartig zu finden wie ich. Ich würde euch gerne zwingen, diese Musik so zu hören, als hättet ihr seit Jahren darauf gewartet. Aber wie soll das gehen, wenn ich mir schon gar nicht mehr vorstellen kann, wie es wohl ist, diese Musik unvoreingenommen zu hören. Wie sie sich wohl anhört, wenn man Clayton Farlow nicht verfolgt, seit man die erste EP von Freunden zugesteckt bekam, mit denen man seither mit fast religiösem Eifer zu den viel zu selten stattfindenden Konzerten pilgerte. Wenn man nicht schon so oft viel zu nah an der Bühne gestanden hat, um genauer zu sehen, wie David, Christoph und Patrick in der Musik aufgehen, die sie in etwa so beherrschen, wie sie sie lieben. Oder eben andersherum, auch egal. Jedenfalls sitze ich eben hier und höre Ms. Anonymous mit dem selben Staunen wie vor einigen Monaten, als zum ersten Mal die Rede davon war, dass nun endlich bald das Debut dieser wundervollen Band erscheinen würde. Aber wie könnte ich aufhören zu staunen, bei einem Lied, das verschwenderisch genug mit Melodien umgeht, um Stephen Malkmus zu beschämen und eine Schönheit im grantigen Klang findet, für die sich Graham Coxon ganz schön Mühe geben muss. Und wie muss das erst sein, Crossroads zum ersten Mal zu hören und sich zu fragen, wie eine Gitarre und eine Stimme eine so stadienfüllende Atemlosigkeit erzeugen können?

Ach, verdammt, seht her, was diese Band aus mir macht: Einen dieser unangenehmen Typen, die Platten mit auf Deine Party bringen, um sie dann viel zu laut laufen lassen und zu allem Überfluss auch noch ständig zu irgendwelchen besten Stellen vor und zurück spulen. Aber was soll ich tun? Es ist mir völlig unmöglich, objektiv zu begründen, warum Clayton Farlow interessant oder wichtig sind. Sie sind mir ganz persönlich wichtig, weil ich sie ohne Übertreibung für eine der besten Bands überhaupt halte und weil sie mich träumen lassen, es könne auch hier Städte wie Olympia, Athens, Seattle oder San Francisco geben, in denen diese Art von Musik mit schöner Selbstverständlichkeit aus allen erdenklichen Proberäumen kommt. Für mich persönlich sind sie interessant, weil mich Lieder wie In The Real Life auf eine Weise berühren, die selten geworden ist, seit ich durch das Schreiben über Musik öfter genötigt bin, Wörter für Gefühle zu suchen. Ich persönlich kann ihnen nicht widerstehen, weil ich in jedem Ton alles, was zwischen Wedding Present und Neutral Milk Hotel gut und richtig ist zu hören glaube.

Und, nein, ich kann euch nicht zwingen, die selbe Begeisterung zu empfinden wie ich. Aber unabhängig von aller Schwärmerei bin ich sicher, dass hier für jeden eine eigene Begeisterung wartet wenn man die  EP mal an die einzig richtige Stelle räumt: Ganz oben auf den Stapel mit den Gitarren-Alben. Dahin, wo die Platten liegen, auf die man seit Jahren wartet oder die einem von Freunden mit leuchtenden Augen empfohlen wurden.

Jan Niklas Jansen (2001)