The Truth About – Releaseinfo – CD-Album „You Win Some You Lose Some“ (2009)

Oberflächlich betrachtet ist es nicht von der Hand zu weisen: THE TRUTH ABOUT aus Bonn/Köln sind eine „Mädchenband“, auch wenn der Verlust deseinzigen männlichen Bandmitgliedes Namri Dagyab (Gitarre) kürzlich eben doch wieder mit einem Gitarristen, Klaas Tigchelaar, aufgestockt wurde. Es fand sich einfach keine passende Gitarristin und irgendwie fehlte Sängerin/Gitarristin Sabrina Szabo, Bassistin Rike Müller und Schlagzeugerin Susanne Adamski auch eben genau dieser Konterpart.

Weniger oberflächlich betrachtet ist der Sound der Band zwischen Gitarrenpop und Indierock eine deutliche Reminiszenz an den britischen Indie-Sound der 90er Jahre, eine reduzierte Hommage an den Girlpop der 60er und eine Verneigung vor dem verschachtelt-melodiösen Postrock des neuen Jahrtausends – stets distanziert durch die intuitiv weibliche Herangehensweise. Da treffen schon malkomplexe Jazzakkorde auf dichte Powerchords, der Bass erspielt sich seinen Freiraum abseits der Grundtöne und das Schlagzeug groovt reduziert aber vertrackt mit den wunderschönen zweistimmigen Gesängen von Sabrina und Rike. THE TRUTH ABOUT machen tanzbare Musik, ohne sich mit 80er-Revival,Electroclash oder sonstigen neumodischen Trends aufzuhalten und schwimmen damit gekonnt und originell gegen den Strom.

Nach der Gründung 2005 wurde schon bald mit dem ersten selbstaufgenommenen Demo getourt. THE TRUTH ABOUT gewannen 2007 beim „Open Music-Contest“ und weckten noch im selben Jahr das Interesse von Deutschlands sympathischstem Noiserock-Produzenten Guido Lucas (Scumbucket, Blackmail). In seinem Troisdorfer BluBox-Studio entstand 2008 das Debütalbum „You Win Some You Lose Some“, das elf Songs zwischen Indiepop,Gitarrenbrett, Mitsingrefrains und Melancholie enthält und im April 2009 beim Kölner Label Tumbleweed (Vertrieb: Broken Silence) erscheinen wird.

2009 sind THE TRUTH ABOUT mit neuem Gitarristen und den Songs des Debüts wieder unterwegs, um die ganz eigene Formel gegen das Schubladendenken an die interessierten Ohren zu bringen, die keinen kurzlebigen Trends aufgesessen sind und in THE TRUTH ABOUT mehr sehen und hören, als bloß eine emanzipierte „Mädchenband“ mit Alibi-Gitarristen.

Bob Ludwig, Juni 2008

Eheruncool – Releaseinfo – CD-Album „Wonach wir suchen“ (2009)

Über zwei Jahre sind nun seit der Veröffentlichung der EP „Noch Weiter Weg Von Uns“ vergangen. Musik und Texte sind dichter, erlebbarer und schwermütiger geworden. Auch einen Fußbreit in der Nische, die letzte Blumfeld-Werke begehbar machte, wenn auch mit anderem persönlichen Kontext.

Der sächsische Vierer ist eher Arbeiter-, als Boheme-Band. Agiert wird in der sächsischen Provinz, da wo es auch mal mehr weh tut. Ohne schützende Anonymität. Der gesungene Text dann mit Gesicht in der Kleinstadt mit Gewerbegebiet. “Neue Deutsche Popkultur” ist ihr Statement gegen Rechts und nationale Anbiederei. Den Kern des Übels in den Kontext des gesellschaftlichen und musikalischen Mainstreams gestellt. Dahin wo die Wurzeln liegen.

Und wie kann ein eheruncool-Album dann anders enden als mit dem Satz: “Wir suchen die Liebe, wir werden nichts finden.”

Sternbuschweg – Releaseinfo – CD-EP „Die Unvollkommenheit“ (2009)

Ende März 2008 kam das, in unendlicher Aneinanderreihung verwirrter Wendungen erarbeitete, erste Album von Sternbuschweg „Mein Herz Schlägt Weiter Jeden Tag“ heraus. Dieses hatte gefälligst die Vorgeschichte der Band zusammenzufassen und sollte einen Ausblick wagen, zugleich Weißes und Schwarzes Album, sowie Sternbuschweg I-IV sein.

Über jeden Song wurde damals ein dreiviertel Jahr gegrübelt, man saß vier Monate am Artwork und diskutierte vier Wochen lang jede Basslinie. Das widersprach jeglichen Gesetzen der Vernunft, doch damit hatte die Band noch nie etwas am Hut; sie taten es, weil sie nicht anders können, als alles konsequent so auszugestalten, wie sie es für richtig halten.

Sternbuschweg spielten sich in diesem Frühjahr einmal quer durch Deutschland, wunderten sich über Platz 391 in den Amazon-Verkaufsrängen und über ihr Erscheinen an zweiter Position in den Campuscharts, kamen jedoch schnell überein, dass es sich dabei nur um Computerpannen gehandelt haben konnte.

Nun also, einer langen Bandtradition folgend, ihre dritte EP „Die Unvollkommenheit“. Es ging alles ganz schnell diesmal (zur Überraschung aller Beteiligten): man hatte einige neue Songs, die wurden mit Sven van Thom aufgenommen, außerdem gab es noch ein paar unveröffentlichte Stücke aus den Album-Sessions sowie das Karpatenhund-Cover „Ist es das was du wolltest“ – und fertig war die EP.

Die Band hat in den neuen Songs etwas Tempo herausgenommen und das extrem dichte Gewebe ihres Debtutalbums zugunsten größerer Klarheit, Emotion und Dynamik ausgedünnt.

Dass sie für das alles auf einmal nur ein Zehntel der Zeit von früher brauchten mag verwundern, doch hinter den Masterplan dieser Band zu sehen ist noch niemandem gelungen, gleichwohl hat es eine Reihe von Freunden und Gönnern, welche eben das versucht haben, fast in den Wahnsinn getrieben.

Niemand ist bis heute aus Sternbuschweg so richtig schlau geworden und man darf mutmaßen, dass es ihnen selbst nicht anders geht; gleichwohl liegt genau darin eine ihrer größten Stärken. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Ray Preston // Oktober 2008

Gnill – Releaseinfo – CD-EP „Ich werde mich mit dieser Makrele ins Ausland absetzen“ (2008)

Gnill? Ist das eine ätherische Künstlerin aus Island? Nein, das ist das neue Alter Ego von grafzahl-Mastermind Florian Gelling. Entschuldigend fragt der höfliche Künstler, ob ich denn die Benennung „Sexspinne“ etwa besser gefunden hätte.

Ach, welchen Namen auch immer der Typ sich gibt, man hört ihn ohnehin sofort raus. Diese Stimme. Die finde ich gut. Sie klingt erstmal hübsch, macht es sich aber nie einfach. Man merkt jederzeit, welche Spannung da besteht. Auf der einen Seite das gelebte Indie-DIY-Checkertum und auf der anderen Zweifel, Verzweiflung, Unsicherheit. So trifft das mehr als nur einen Ton in einem Song. So geht’s doch vielen.

Als Gnill stellt Florian nun sogar die eigene Songproduktionsmaschine in Frage. Ohne Band bastelte er sich hier in elektronischrockiges Liedermachertum rein. Die Stimme ist richtig gut zu verstehen, die Stücke changieren zwischen Rock und Beat, ganz gewissenhaft und schön ornamentiert. Ganz nebenbei produziert die Platte noch Slogans wie „Früher Halbgott, heute Wischmob“ und Anfänge, die ganz reizend von der gitarrigen Assoziation „Sommerhitler“ (grafzahl-Song) zu markig-putzigem Elektro-Pop überführen (zu hören bei „Dein Problem“). Ansonsten denkt man auch sicher mal an die Band 5 Freunde, an Superstolk 2000 und Tom Liwa, oder auch an eine Playmobil-Version von New Order. Was einem halt so passt. Respekt, Alter!

Linus Volkmann, Januar 2008

Sternbuschweg – Releaseinfo – CD-Album „Mein Herz schlägt weiter jeden Tag“ (2008)

Im nahezu unüberschaubaren Kosmos deutscher und deutschsprachiger Indiebands sitzen Sternbuschweg seit vielen Jahren am selben Platz: völlig wurzellos, wie die Robinson Crusoe-Typen aus Bildwitzen über Leute, die auf einer einsamen handtellergroßen Insel gestrandet sind. Daß sie sich nie einer wirklichen Szene anschlossen, obwohl sie bereits in den ersten Stunden der selbstausgerufenen ‚Berliner Schule‘ zugegen waren, aus der kurze Zeit später Bands wie 2Raumwohnung, Virginia Jetzt! oder Mia in den Mainstream vorstoßen konnten, hat vermutlich weniger mit ihrer Musik zu tun sondern damit, wie diese Band funktioniert, nicht funktioniert, sich weigert zu funktionieren und stattdessen funktioniert.

Kurz zurückgeblendet: 2002 wurde erst in Berlin und kurz darauf in ganz Deutschland in Radios, Fanzines, Klubs und Jugendzentren ehrfurchtsvoll der Name Sternbuschweg genannt: diese coole neue Band, die vermutlich ziemlich bald ziemlich bekannt sein würde. Es kam, wie man Jahre später rückblickend feststellen muß, anders. Sternbuschweg haben sich zwar nie wirklich ausgeklinkt (sie waren konstant auf Tour und veröffentlichten im Eigenvertrieb und bei Kleinstlabels drei EPs und eine Single), nahmen aber einfach nie am Wettbewerb teil. Vielleicht weniger als tatsächliche Weigerung sondern mehr, weil sie es wichtiger fanden, ihre Band kleinteilig, geduldig und voller Leidenschaft exakt so zu gestalten, wie es ihnen selber richtig schien; ohne darauf zu schielen, einen fetten Plattenvertrag an Land zu ziehen, ohne die Einflussnahme von A&R-Vögeln, Bookern und allen, die die Qualität von Musik in ihrer ‚Verwertbarkeit‘ bemessen; ohne sich dafür zu interessieren, was Presse, Radio und Internet an Schulterklopfen oder Ablehnung und Besserwisserei für diese kleine, mächtige Band bereithalten.

Diese fast schon autistische Art eine Band zu betreiben wäre alleine schon ein Grund, Sternbuschweg ins Herz zu schließen. Aber dann ist da zum Glück noch die Musik, diese eindruckvolle, erhabene Popmusik. Wäre das hier eine einzeilige Konzertankündigung in einem Monatsmagazin, würde Sternbuschweg vermutlich eingekocht werden auf die Pole, zwischen denen man sie irgendwie verorten kann: britischer Pop der Gattung Stones Roses, Charlatans oder Ride, etwas Northern Soul, etwas ‚Hamburger Schule‘ und ein Sänger, der so unschuldig und sehnsuchtsvoll singt, daß es schwerfällt, nicht an Morrissey zu denken. Aber es ist so viel mehr los in der Welt von Sternbuschweg, an der sie jahrelang gewoben haben. Die Gitarren verzahnen sich in einer Wall Of Sound, verlieren sich in Verzerrung und Hallräumen wie bei The Jesus & Mary Chain und My Bloody Valentine, bekommen elegant und unaufdringlich aber energisch Struktur von Baß und Schlagzeug und Klarheit von Wolfgang Müller-Molenars Stimme, die in ihrer gleichzeitigen Bescheidenheit und gespieltem Größenwahn so perfekt die großen Tugenden dieser Band und ihrem erstaunlichen Zusammenspiel ausmacht. Die Entscheidung, das Album komplett live einzuspielen ist mutig, aber folgerichtig.

Ob das lang erwartete, lang erarbeitete und lang ersehnte Debutalbum nach sechs Jahren Bandgeschichte die Stadt so in Brand setzen wird, wie es angemessen wäre? Vermutlich nicht. Zumindest nicht nach den Maßstäben und Marktgesetzen, mit denen diese Band nichts zu tun hat; denn ganz im Ernst: eine Band, die sich auch nur entfernt um Erfolg oder Anerkennung schert, lässt sich keine sechs Jahre Zeit für eine Platte. Eine Band, die sich ausschließlich und hundertprozentig um Musik schert, schon.

Und wenn die Band noch so überzeugt singt: „diese Welt ist nicht gemacht für uns“, möchte man ihnen laut entgegensingen „mag sein – na und“. Ein Hoch auf Benjamin, Dennis, Sebastian und Wolfgang, die vier Typen, die auf ihrer einsamen Insel ein paar der besten Lieder über Liebe, Selbstmitleid, Größenwahn, Irrsinn, Scheitern und, nunja, das Leben überhaupt geschrieben haben, die in den letzten Jahren geschrieben wurden. Eine Band wie ein Geschenk.

Björn Sonnenberg, Februar 2008

Bum Khun Cha Youth – Releaseinfo – CD-Album „Alarm! Hanns-Martin ist verschwunden.“ (2007)

BKCY – das sind Ulrich Nachtigall und Linus Volkmann aus Köln. Einst hatten sie eine Skihütten-Indie-band, aber das Verstärkerschleppen und Gitarrespielen war einfach eine zu große Zumutung für die zwei sensiblen Blitzlichtluder mit den Kabelarmen und Streichholzbeinen. Es gibt daher elektronische Musik in dem Spannungsfeld zwischen Digitalism und Blümchen.

„Alarm!  Hanns-Martin ist verschwunden.“ ist ihre erste Platte. In den elf Jahren Bandbestehens zuvor, erschienen bereits zwei 7“-Singles und die Mini-LP „Unendliche Freiheit“. Der große Radiohit aus den Neunzigern „Wann hast du eigentlich aufgehört, mich zu lieben, Schatz?“ findet sich dem aktuellen Album als Bonus im Original angehängt.

Noch mehr zu sagen? Ja, klar. Und das tut nun der Ex-Tennis-Profi Thomas Venker aus Stuttgart:

Lesen auch Sie, was ich gerade gelesen habe: Die Sätze, die die Band uns, den Hörern, im Booklet ihres Albums „Alarm, Hanns-Martin ist verschwunden“ mit auf den Weg geben. Und schon wissen Sie, warum ich mit dem folgenden das Info einleiten will – und nicht mit dem erwartbaren Punk-Indie-Bohemian-Lebensstilreport der beiden Kölner. Den kann man sich googeln, die Kontextualisierung des Leitmotivs RAF soll mein Job bei der Nummer sein. Ein angenehmer.

Denn all diese RAF-Bezüge, die wir auf „Alarm, Hanns-Martin ist verschwunden“ finden, sie sollen keineswegs schocken und rocken wie beispielsweise Baader-Meinhof-Rückgriffe in der Britischen Industrialszene Ende der 70er – wobei man dies jenen Bands gar nicht vorwerfen kann, zu gering war die zeitliche Distanz als dass sie die Abstraktion hätten leisten können. Aber heute, 30 Jahre nach dem Deutschen Herbst, bedarf es mehr als des name droppings, man muss sich positionieren. Volkmann und Nachtigall tun das. Sie wollen nicht nur catchy Slogans über grellbunte Keyboardlines legen, sie treten gegen das Arschloch Meinungspluralismus an. Sie zeigen, dass die RAF nicht mit einer absoluten Position und eben solcher Sicherheit zu beurteilen ist, sondern ein vielschichtiges Phänomen deutscher Geschichte ist, an dem viel kritisiert werden kann und muss (gerade auch die antisemitistischen und sexistischen Tendenzen, die Künstler sprechen es im Booklet an), aber eben auch der ernst gemeinte Versuch unternommen werden sollte, sich die Ereignisse jener Tage bewusst zu machen, zu erinnern und aufzuarbeiten, die historischen Ereignisse und die Positionen der Protagonisten, ihre Visionen.

Schuld und Sühne also. Das Thema des Jahres 2007. Und so sehr man sich freut, dass die Medien abseits von Britney Spears menschlicher Tragödie und den letzten Zuckungen von fragwürdigen Starkonstruktionen wie Anna Nicole Smith endlich mal wieder einem richtigen Thema widmen, so sehr geht einem doch auf den Sack, was man da so lesen muss an arrogantem Duktus, gespeist mit der Gewinnerpose in der xten Generation. Die Diskussion über die „vorzeitige“ Haftentlassung, die Gnadengesuche von Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, machte deutlich, warum es gut ist, dass es dieses Album gibt: Um daran zu erinnern, dass jede Geschichte mehrere Auslegungen hat, je nach Erzähler. Gefährliches Terrain, ich weiß. Denn wenn wir über beispielsweise – und da es in diesem Kontext so gut passt  – über Hitlerdeutschland sprechen, dann komme mir keiner mit differenzierter Sicht der Dinge – denn so sehr die Rückkehr zum Neuen Deutschen Selbstbewusstsein, die dieser Tage around ist (sei es in Form von Fahnen bei der WM oder Geseiere aus einem weißen Vanity-Fair-HQ) so elend ist sie auch.

Die RAF ist trotz ihrer – in der Diskussion gern unterschlagenen – Gesellschaftsutopie, die an sozialistische Ideen andockte, ohne Hitlerdeutschland nicht denkbar gewesen. Sie ist in ihrem elementarsten Kern auch ein Dagegenhalten gegen das zurück zu alten Strukturen, das Weitermachenlassen der Schuldbeladenen. Insofern ist es grob fahrlässig, und auch nicht nachvollziehbar, wie jemand wie Jan Philipp Reemtsma die RAF als lokale Gruppenpose a la Dostojewskijs „Dämonen“ (jetzt neu „Böse Geister“) zeichnen kann (so geschehen in einem vor Selbstzufriedenheit nur so triefendem Beitrag in der Zeit vom 8. März dieses Jahres). So leicht kann man die Protagonisten jener Epoche, die bis heute, das zeigt ja die aktuelle Debatte, das Land aufwühlt, nicht abkanzeln, mal davon abgesehen, dass es auch politisch ein bedenklicher Akt ist. Außerdem stellt die RAF nicht nur ein singuläres deutsches Phänomen dar, sondern sah sich eingebettet in eine globale Bewegung, motiviert auch von den Tupamaros in Uruguay, Freiheitskämpfern in Mittel- und Südamerika. Hochgeputscht von dem (verrinnenden) Kairos der Studentenbewegung und den alles möglich erscheinenden Ereignissen jener Tage. Ihre Vision von Räterepublik, Internationalismus und Kommunismus sollte die von der Propaganda der Tat aktivierte Bevölkerung mit in die Verantwortung ziehen, mobilisieren für einen anderen, gerechteren Entwurf.

Aber kommen wir zurück zur Bum Kun Cha Youth. Man kann dieser bei oberflächlicher Rezeption des Werks unterstellen, dass sie schändlichen Populismus für Linksradikale betreibe, oder auch nur, dass sie eine Käsepizzavariante dessen zum reinen Spaßkick abliefere. Aber das wird ihnen genauso wenig gerecht wie Reetsmas Worte zutreffendes über die RAF sprechen. Nur woran liegt das? Die RAF legte den Finger in die größte Identitätswunde, die dieses Land besitzt: Die Nazivergangenheit und deren inkonsequente Aufarbeitung. Natürlich sagte ihr, wie jedem guten Linken, der Kapitalismus als Prinzip nicht zu, da er, selbst wenn er noch so viel hinausposaunte Soziale Marktwirtschaft zur Seite gestellt bekommt, letztlich doch immer weiter die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert – aber das war nicht ihr Hauptanliegen, auch wenn  Christian Klar sich in seiner aktuellen Grußbotschaft an die Rosa-Luxemburg-Konferenz damit auseinandersetzt, nein, ihr Hauptanliegen war doch ganz klar die Kritik an den beibehaltenen Verhältnissen, dem Laissez Fair, mit dem aus Angst vor fehlendem Aufschwung und längerer Zeit der Buße und des Leids (und sie wäre verdient gewesen) einiges schneller vergessen wurde, als es Recht war, einige schneller – ja überhaupt – wieder eingegliedert wurden in das soziale Leben, die mit soviel Schuld beladen waren, dass sie statt nach Argentinien reisen zu dürfen, um erste neue Deals zustande zu bringen (mit Geldern, deren Herkunft keiner so genau wissen wollte) für immer in Demut Soziale Dienst hätten ableisten müssen oder noch besser im Knast Tellerwaschen. Wie zynisch mag dieses Deutsche Wirtschaftswunder für all jene gewirkt haben, die so unterDeutschland haben leiden müssen?

Ob aus all dem das Recht zu einem Kriegszustand ableitbar ist, die Argumentation auf der Otto Schily seine Verteidigung der angeklagten im Stammheimer Prozess aufbaute, sei vertagt, dafür ist das hier nicht der Rahmen. Nur dieses Gedankenexperiment sei an der Stelle zugelassen: Wer fühlt, dass noch immer die Protagonisten des Nationalsozialismus am Schaltpult sitzen, der wär ein schlechter Demokrat, wenn er nicht dagegen angehen würde – auch wenn „der gute Demokrat“ kein Maßstab gewesen ist, an dem die RAF etwas habe bemessen wollen. Damit sei weiterhin nicht gesagt, dass Gewalt der Weg ist. Keineswegs. Aber es ist gesagt, dass man all diese Gesichtspunkte nicht wegschieben sollte und kann.

Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Sie nicht all das sofort wiederfinden in der Musik der Bum Khun Cha Youth. Das hier ist Popmusik, ein Ort, der Gefahr läuft, dem System letztendlich zuzuarbeiten, da er Eskapismus fördert – das wissen wir nicht erst seit Adorno – aber eben auch subtile Kommunikationskanäle für mehr bietet. Also lauschen Sie gut.

Thomas Venker // Sommer 2007

Pechsaftha – Releaseinfo – CD-Album „Dick in Frisco“ (2007)

„Pechshafta proben nie und doch ist aus jedem Bandtreffen bisher eine Veröffentlichung entstanden. Trotz ihres eigenwilligen Stils haben sie mit Tumbleweed nun ein Label gefunden, um ihr neues Werk auf CD zum ersten Mal einem größerem Publikum zugänglich zu machen, als die vorher in strengst limitierter Kleinauflage via Musikzimmer erschienenen, handgebastelten Vinylonly-Veröffentlichungen. Und auch die Musik ist zugänglicher, beinahe poppig geworden, ähnelt aber immer noch kaum einem der anderen Projekte der Beteiligten. Als da wären: Herr Kircher von EA 80, Herr Schneider und Herr Gelling von GRAF ZAHL, Herr Pech von KLOTZS und Herr Büsser, Musikjournalist, Autor und testcard-Herausgeber, mit dem ich mich im sonnigen Hinterhof des Ventil-Verlages unterhalten habe, während draußen irgendwelche Chorgruppen durch die Mainzer Altstadt zogen.“

– Text erschienen im Ox #69 / Den gesamten Artikel inkl. Interview mit Pechsaftha gibt es  hier. Vielen Dank an die Kollegen vom Ox für ihr Interesse und Engagement.

Luke – Releaseinfo – CD-Album „The Order Failed The Dream“ (2006)

Die Jahre kommen, die Jahre gehen. Mittlerweile sind es zehn. Luke sind immer noch da und wollen auch noch bleiben. Ruhend in sich selbst. Stilvoll. Selbstbewusst. Trendfrei. Zeitlos. Seit langem eingebettet in gewachsene Strukturen und wachsam verfolgt von einer kleinen, aber feinen Gruppe von Geheimniskrämern.

Das Dreieck Luxemburg, Köln, Hamburg. Studium und Beruf im In- und Ausland. Proben, Konzerte, gemeinsame Zeit – keine Selbstverständlichkeit. Einen Businessplan gab es hier noch nie. Und dennoch: Luke funktionieren, sind lebendig, wohl auch wegen der gelebten Freundschaft und Zusammengehörigkeit. Oder gerade deshalb?

Nach drei Jahren im Hinterhalt jetzt also Album Nummer vier: “The Order Failed The Dream”. Bis dato die längste und aufwändigste Produktion mit Mastermind Guido Lucas. Das hört man und das fühlt man. Bis in die letzte Rille gefüllt mit Herzblut. Inhaltlich persönlicher als zuvor. Hier gibt es kein Verstecken. Poppig und brachial, rockig aber fragil, atmosphärisch und euphorisch. Detailverliebt und druckvoll wie noch nie zelebrieren Luke ihren ureigenen Stil. Wissend um die Möglichkeiten, immer wieder die entscheidenden Brüche und Lücken setzend. So trennt sich spielerisch erneut die Spreu vom Weizen. Luke sind wieder auf der guten Seite. Wie immer in all den Jahren.

Stephan Sodeur
– Bass
Heiko Schneider
– Gitarre, Gesang
Kai-Philipp Schöllmann
– Gitarre
Christof Schulte
– Schlagzeug

Eheruncool – Releaseinfo – CD-EP „Noch weiter weg von uns“ (2006)

Eheruncool – Infos – Sommer 2006

Auszug aus einer E-Mail von Sänger Alex:

„Ich selbst habe ca. 1990 mit meiner ersten Band angefangen Musik zu machen. Wir hatten schon damals Vorbilder wie Phillip Boa oder Sonic Youth, nur leider waren die Fähigkeiten begrenzt, so das es immer nach Punk klang. Arne unser Schlagzeuger war damals 14 und wurde von Uwe Jähnichen und mir zu seinen ersten Konzerten mitgenommen. Als Blumfelds „Ich-Maschine“ rauskam, hat uns das so begeistert, daß Arne sofort eine Band namens „Superstars Sucks“ gründete (im trashigsten Tocotronic-Style) und ich fing an deutsche Texte zu schreiben, mit einer neuen Band namens „Clarissa“ (beide auf den ersten Fieberkurve Compilations). Mit Clarissa sind wir dann auch im Radio gelaufen und in diversen Fanzines mit Lob bedacht wurden! Unser Gitarrist Andre war damals 16 und auch schon dabei. Ich glaube das war dann so um 1995 rum. Du siehst, wir kennen uns alle schon lange.

Eheruncool gibt es seit 1999. In unseren Plattenregalen stehen Sachen wie Blumfeld, We Smile, Ostzonensuppenwürfel- machenkrebs, Regierung, Aeronauten, Fünf Freunde, Superpunk, Van Pelt, Bob Tilton, Grade und natürlich Joy Division und Sonic Youth. Ich hör aber auch andere Sachen, wie z.B. Pavlovs Doc und die alten Manchester Bands. Die ersten zwei Blumfeld-Platten sind immer noch meine persönlichen Favoriten!“

Nach verschiedenen Bandprojekten, unter anderem Clarissa und Superstars Sucks, fanden sich mit Eheruncool vier Musik-Enthusiasten zusammen, um ihre Vorliebe für deutschsprachige Popmusik in eigenen Songs zum Ausdruck zu bringen. Nach der 2000 erschienen Single „An Solchen Tagen“, folgte 2001 das erste Album „Drunken Butterfly“. Beide als Eigenveröffentlichung. Im August 2002 erschien auf Noiseworks Records dann das zweite Album „Gezeichnetes Ich“, benannt nach einem Gedícht von Gottfried Benn. Live macht die Band bei zahlreichen Konzerten auf sich aufmerksam und spielte schon mit Bands wie Dirty Spoon, Superpunk, Diario, Tokio Sex Destruction und Malory zusammen. 2004 und 2006 supportete Eheruncool Philip Boa bei einigen Konzerten in Deutschland. Die Songs der bisher veröffentlichten CDs schafften es in die Hörprogramme von Radio Fritz, Radio Blau, Radio T, und dem Hessischen Rundfunk und sind auf diversen Samplern vertreten. Der Eheruncool-Song „Zwischen Für Und Gegen“ war Titelsong des antifaschistischen Schulhof-Samplers „Auf Meiner Seite Steht Das Leben“ der als Gegenprojekt zu den von sächsischen Rechten verteilten Schulhof-CDs herausgebracht wurde. Im Juni 2006 erscheint die EP „Noch Weiter Weg Von Uns“ mit fünf neuen Songs beim Kölner Indielabel Tumbleweed Records und wird im Vertrieb von Broken Silence in den feinsten Plattenläden zwischen Hamburg und München zu haben sein.

Mob – Releaseinfo – CD-Album „We All Repeat The Past“ (2006)

Die Kooperation:
Guido Lucas war 2003, nach einigen Konzerten von Mob im Vorprogramm von Blackmail, derart beindruckt, daß er der Band sofort eine Veröffentlichung auf BluNoise Records angeboten hat. Da aber Tumbleweed 2002 den Vorläufer I Believe In You veröffentlicht, die Band erstmalig für mehrere Touren nach Deutschland geholt hatte und es in diesen Kreisen auch um zwischenmenschliche Beziehungen geht, war von Anfang an klar, daß ein kommendes Album nur in (einer wie auch immmer gearteten) Zusammenarbeit von BluNoise und Tumbleweed verwirklicht werden könnte. Nach reiflicher Überlegung wurde deshalb folgendes entschieden: Das neue Album We All Repeat The Past von Mob wird auf BluNoise veröffentlicht und von dessen Vertriebspartner Al!ve vertrieben. Tumbleweed-Die Agentur kümmert sich nur um die Promotion und über diesen Umweg wird es dann doch wieder eine Gemeinschaftsproduktion beider Labels als gleichberechtigte Partner. Mittlerweile haben die beiden Indie-Neurotiker Lucas und Kolepke auch ein gemeinsames Büro im Normal in Köln bezogen. Zusammen mit der Plattform BeSonic und den genial, liebenswerten Nerds von Haldern Pop, stricken dort nun alle an einer Bündelung ihrer Interessen und Zielsetzungen.

Die Veröffentlichung:
War den beiden Vorgängeralben, And This Is A Good Day (1999) und I Believe In You (2002), immer ein wenig der Vorwurf zu machen, der eindrucksvollen Live-Präsenz nicht gerecht zu werden, so haben es Mob auf ihrem dritten Album We All Repeat The Past schlußendlich doch einmal geschafft, die Wucht und Energie, sowie die unglaubliche Zornigkeit ihrer Live-Shows in einem Studio auf Band zu bringen. Zu verdanken ist dies vor allem auch der einfühlsamen Einflußnahme von Produzent Guido Lucas, der sich auf Drängen der Band tagelang einzelnen Tönen widmete und bloßen Gitarrengeräuschen meterweise Band einräumte. Mit einer Mischung aus Lautstärke und kleinen Melodien, in denen du auch nach mehrmaligem Hören immer wieder neue Elemente entdeckst, türmt die Band hier Gitarrenspuren zu eindrucksvollen Gebilden auf. Die auf dem nun vorliegenden Album enthaltenen neun Stücke verbreiten eine ganz spezielle, vollkommen Mob-typische Aura zwischen Melancholie und Wahnsinn. Einmal wahrgenommen und abgespeichert, ordnet man diesen Sound zukünftig immer Mob zu. Der Wiedererkennungsfaktor ist also sehr hoch. Wenn man sucht, wird man sicherlich nur einige wenige Bands finden, die es schaffen auf so unverwechselbare Art und Weise Noiserock der kranken Schule mit britischem Indierock/-pop als zusätzlichem Bezugspunkt zu paaren. Bands wie Mogwai, My Bloody Valentine, Cure und Placebo seien hier als Eckpfeiler genannt.